Erstes Kapitel - Eine seltsame Entdeckung
Eine seltsame Entdeckung


„Hey Gini! Träumst du schon wieder von Dee?!“, fragte Tim seine kleine Schwester.

„Nein tue ich nicht!“, antwortete Gini ziemlich trotzig, und das war schlicht weg gelogen.

Alle Mädchen träumten von Dee. Er war nun mal der attraktivste Junge der Schule. Er war süß, sympathisch und was weiß der Teufel noch alles. Er hatte rabenschwarzes Haar, das meistens mit viel zu viel Haargel gestylt war, und dunkelbraune Augen.

Sie strahlen einen zarten warmen Glanz aus, aber auch seine unausstehliche Arroganz. Er war sehr modebewusst, und hatte schlichtweg das gewisse Etwas.

Nur eine teilte diese Ansicht nicht: Kay. Zumindest gab sie es nicht zu. Im Moment hielt sie ihn für einen eingebildeten Schnösel der sogar noch im Villenviertel wohnte.

Kay tat so als gäbe es ihn gar nicht, ziemlich oft zumindest. Und genau ihr machte er, zum Übel aller Mädchen, schöne Augen. Kay lief grinsend neben den beiden Geschwistern her.

„Ich weiß gar nicht was ihr an dem Typen findet. So schön ist er nun auch wieder nicht!“ Damit wollte sie eigentlich ihre Freundin trösten.

Doch die reagierte ganz schön kratzbürstig:
„Sag mal, wie kannst du so etwas sagen? Dee ist der schönste Junge auf der Welt, ja im ganzen Universum!“

„Oh wirklich? Schade das du nie etwas von mir haben wirst!“, Dee war einfach aufgetaucht und hatte nun seinen Senf dazugegeben.

Er grinste. Er hielt das wohl für einen guten Scherz. Das er bei sehr vielen Mädchen als Gott galt, nutze er gnadenlos aus. In dem Punkt verstand Kay ihn nun wieder, wenn alle das tun was man ihnen sagt, wird man irgendwann so wie er eben ist, auch wenn das nicht als Entschuldigung angenommen werden kann für seine Eitelkeit und seinen Egoismus.

„Darum!“, zischelte Kay als Antwort auf den Wutausbruch ihrer Freundin. „So ein eingebildeter Blödmann!“

Genau in dem Moment drehte sich Dee um und schrie ihnen entgegen: „Sorry Gini! Sonst bin ich nicht so zickig, das ist eigentlich Kays Job. War auf jeden Fall nicht so gemeint, Gini!“

„Deshalb!“, zischelte Kay noch mal.

„Siehst du, das war gar nicht so gemeint!“, sagte Gini stolz.

Immer behauptete sie, sie wäre hässlich und für ihn nur Abschaum. Wenn man ihr dann versuchte zu erklären, dass es Jungs gab, die sie sehr gut leiden konnten, und sie zusätzlich auch noch wunderschön fanden, sagte sie nur: „Ich will aber ihn! Was will ich mit solchen Idioten wenn mein Traummann neben mir steht!“

Gini wollte gerade mit einem Satz von wegen: „Er mag mich doch, wie herrlich!“, daherkommen, als die zwei anderen schmunzelnd auf ihren Satz von vorhin antworteten: „Das hat er nur gesagt um seinem „Fanclub“ Angst einzujagen!“ Dabei deuteten sie auf ein paar Mädchen die Dee träumend nachstarrten.

„Da solltest du eigentlich auch beitreten!“, setzte Tim hinzu.

Gini wandte sich mit hochrotem Gesicht ab. Die beiden anderen grinsten in sich hinein. Dee war in der Klasse von Tim und Kay. Sie gingen in die 7c. Gini war eine Klasse unter ihnen.

Gini schwieg beleidigt und Tim und Kay unterhielten sich über den heutigen Schultag.

„Sag mal wie findest du eigentlich diese neue Vertretung?“

„Sie sah eigentlich ganz... na ja. Und was hältst du von ihr?“

Tim sah sie seltsam abwesend an: „Die ist voll cool und sieht auch noch gut aus.“ Kay verdrehte die Augen. Jungs! Den ganzen Unterricht hatten sie die Lehrerin angegafft, sogar Dee schien von ihr beeindruckt zu sein. Jungs waren sowieso ihre Favoriten.

Mädchen konnte sie nicht leiden, das hatte sich deutlich gezeigt. Jedes Mal wenn ein Mädchen streckte sah sie darüber hinweg, vor allem bei Kay war es schlimm gewesen.

Irgendwann hatte Kay sich dann so darüber aufgeregt das sie die Lehrerin ziemlich angezickt hatte. Dann waren die Jungs so sauer gewesen als hätte man sie angeschrieen. Von dieser Aktion hatte Kay wohl auch den Spruch von Dee verdient.

Aber das war Kay egal. Die Buben hatten die dunkelhaarige Frau richtig gern. Sie war schlank hatte rabenschwarzes Haar und dunkelbraune Augen dafür aber ungewöhnlich helle Haut, fast weiß. Das erste was Kay eingefallen war, war: Hexe!

„Die hat euch mit einem Liebeszauber belegt, das ist eine echte Hexe!“

„Ach was, hat sie nicht. Sie sieht eben gut aus und kriegen tut sie eh keiner.“

Kay zuckte mit den Schultern. „Na wenn du meinst!“ Sie liefen noch redend nebeneinander wechselten aber das Thema.

Als sie die Theateraufführung der Neunten ansprachen, klinkte sich Gini wieder ein. „Was wollen die eigentlich spielen?“

„Ich glaub irgend so einen Hexensabbat, hab ich zumindest gehört.“

„Kann schon sein, Tim. Es ist doch bald Halloween“, meinte Kay.

„Wisst ihr auch wer die Texte geschrieben hat?“

„Die neue, Frau Merlein.“, antwortet Tim seiner Schwester.

„Also doch ne Hexe.“ Kay stupste Tim in die Seite.

„Ha, ha. Sehr witzig!“ Tim verdrehte genervt die Augen.

Sie waren an der Kreuzung angekommen an der sie sich immer trennten. „Also Tschau, man sieht sich morgen!“, rief Kay und verschwand damit in einer Seitenstraße.

Sie wohnte in dem gegenüberliegendem Viertel der Stadt wie ihre zwei Freunde. Hier war es immer sehr ruhig. Die meisten Häuser wurden von älteren Leuten bewohnt. Nur aus dem Haus von der jungen Familie Maier die ein kleines Mädchen hatten drang manchmal Lärm.

Kay stoppte an einem Haus und klingelte. Eine alte Frau machte auf. „Kay Schätzchen! Kommst du mich mal wieder besuchen.“

„Hallo Frau Neumann. Ich wollte das Packet für meine Großmutter abholen.“

„Ah, es steht in der Küche komm mit.“

In dem Moment kam Frau Neumanns Katze aus einem Zimmer. Kay blieb wie angewurzelt stehen. Nicht etwa weil sie Angst vor Katzen hatte, bestimmt nicht, sie hatte selbst mal einen Kater besessen.

Im allgemeinem mochte sie Katzen aber bei dieser lief ihr jedes Mal ein Schauer über den Rücken.

„Morle“ wie Frau Neumann die schwarze Katze nannte hatte nur noch ein Auge. Ein gelbes Auge das Kay jedes Mal interessiert anstarrte.

Aber das war nicht das richtig seltsame daran, Kay hatte schon viele Katzen mit nur einem Auge gesehen. Die meisten hatten es dann fest geschlossen oder es war milchig weiß. Manche Besitzer machten ihren Katzen auch Augenklappen darüber.

Aber bei Morle schien es nie existiert zu haben. Da wo das blinde Auge hätte sein sollen war einfach nur schwarzes Fell.

Kay hatte schon öfters überlegt wo das Auge wohl abgeblieben war, bis jetzt hatte sie aber noch keine logische Lösung gefunden.

Die einfachste und wohl die einzige die sie in Betracht ziehen würde war das die Katze es nur ganz fest zukniff so das man es nicht mehr erkennen konnte.

Morle verschwand in der nächsten Tür und Kay traute sich endlich wieder weiter zulaufen.

In irgendeiner Weise erinnerte Morle sie an ihren Kater, vielleicht aber auch nur weil dieser genauso geheißen hatte.

Kay nahm das Päckchen in Empfang und betrachtete es abschätzend.

Wieder so ein Päckchen das an Frau Neumann abgegeben werden musste. Ihre Großmutter ging nie aus dem Haus und trotzdem geschah es das Post bei ihrer Nachbarin abgegeben werden musste.

Als Kay einmal ihre Oma nach dem Grund gefragt hatte, hatte diese geantwortet:

„Ich möchte unnötige Fragen vermeiden. Wenn die Postboten lesen: Bitte ein Haus weiter abgeben! Dann tun sie das auch. Und wenn sie sich über das Päckchen wundern, kann Gerda einfach sagen: „Ich habe keine Ahnung was das sein soll!“

Meist lag dies an den Absendern die selbst Kay für seltsam hielt.

In letzter Zeit kam dies immer öfter vor, also Pakete und Briefe die bei Frau Neumann landeten.

Kay vermutete, besser gesagt sie wusste, dass ihre Oma und die Nachbarin ein Geheimnis vor Kay und dem Rest der Welt hatten. Na ja, vielleicht nicht vor allen Menschen denn irgendwoher mussten ja die Briefe stammen.

Kay verabschiedete sich höflich und ging aus der Küche.

Morle streifte um ihre Füße und maunzte ihr entgegen. Kay hätte am liebsten geschrieen aber der Kater verschwand zugleich.

Kay blieb noch eine Weile reglos stehen. Gerade eben hatte das übrig gebliebene Auge sie so durchdringend angestarrt das sie glaubte der Kater habe mehr gesehen als nur ihr Gesicht.

Vielleicht hatte er ihre Gedanken gelesen. Was hatte sie eigentlich gerade gedacht?

Ihr war für Bruchteile von Sekunden als hätte sie sich selbst gesehen und nicht den Kater. So als hätten Tier und Mensch für kurze Zeit einfach ihre Körper getauscht.

Sie schüttelte den Kopf. Das war Quatsch! Solche Körperwechsel gab es nur in Filmen. Oder doch nicht?

„Tschüss!“ rief sie noch einmal und verschwand dann eilig aus der Tür.

Draußen atmete sie erst einmal tief ein. In dem Haus stank es immer nach Moder und Katze. Das Sonnenlicht blendete sie gewaltig.

Kay lief weiter und kam zum letzten Haus. Es grenzte an die Überreste der Stadtmauer und die Terrasse befand sich auf dem Wehrgang.

Kay suchte nach ihrem Schlüssel in der Schultasche, fand ihn aber nicht auf Anhieb. Ah, dachte sie, ich glaube heute hab ich ihn hinten reingepackt. Doch auch da war er nicht. Auch als sie ihren ganzen Ranzen ausleerte blieb der Schlüssel unauffindbar.

„Mist“, fluchte sie, „Ich hab das Schrotteil vergessen!“ sie läutete einige Male aber es öffnete niemand.

„Oma! Mach auf! Ich bin’s Kay.“, rief sie so laut sie konnte. Vergebens.

Jetzt musste sie hier warten bis ihre Großmutter sich aus ihrem Zimmer begab. Und das konnte Stunden dauern.

Ihre Großmutter tat das öfters. Dann sagte sie, sie wolle sich schlafen legen und vergrub sich in ihr Zimmer im zweiten Stock. Es lag genau dem von Kay gegenüber.

Manchmal hatte Kay schon gelauscht. Oder durchs Schlüsselloch gespickt. Aber es ließ sich nichts über das seltsame Treiben hinter der Tür feststellen.

Kay zählte das zu einem der vielen Geheimnissen die ihre Oma hatte.

Hätte sie jetzt noch Geschwister oder Eltern die zu Hause wären, oder wenigstens erreichbar, so säße sie wohl kaum hier draußen.

Ihre Eltern arbeiteten beide. Ihr Vater war Autor und Journalist zugleich und war die meiste Zeit seines Lebens in der Weltgeschichte unterwegs.

Ihre Mutter trieb sich auch irgendwo herum, nur mit dem Unterschied das bei ihr keiner wusste was sie genau machte.

Geschwister hatte sie wirklich keine. Zumindest behaupteten das alle. Aber bei diesen vielen Geheimnistuereien wusste man nie.

Ihren Vater hatte Kay seit ihrer Geburt nicht mehr gesehen. Na ja, einmal an ihrem 6.Geburtstag hatte er kurz reingeschaut und versprochen sie auf Reisen mitzunehmen wenn sie älter war.

Er war es der auf den Namen Kay bestanden hatte. Eigentlich sollte sie Kayafala heißen. So hieß auch ihre Tante, also die Schwester ihres Vaters. Doch die war schon vor langem gestorben. Trotzdem wollte ihr Vater sie so nennen.

„Dieser Name hat eine Bedeutung! In einer längst vergessenen Sprache heißt er etwas!“, erklärte ihre Großmutter immer.

Doch Kay war das egal. Sie war eben mit diesem seltsamen Namen getauft worden und musste sich so durchs Leben schlagen.

Kay lebte allein mit ihrer Großmutter. Das war manchmal ganz schön schwer. Aber sie kamen gut miteinander aus. Kay fand sie mochte ihre Oma lieber als ihre eigene Mutter.

Diese kam an ihren Geburtstagen oder an manchen anderen Tagen kurz zurück und schenkte ihrer Tochter alles mögliche, lud sie auf irgendwelche Konzerte von Gruppen ein die sie gar nicht kannte, redete mit ihr über „Pubertätsprobleme“ und versuchte die perfekte Mutter zu spielen.

Aber das war sie nicht. Für alle diese Dinge hatte sich Kay andere Leute suchen müssen die das alles viel besser konnten. Meistens war sie froh wenn ihre Mutter ging und nicht so schnell wiederkam.

Wen sie vermisste war ihr Vater und ihre Cousine Jenny. Die beiden schrieben sich regelmäßig und verstanden sich blendend. Jenny studierte gerade drei Jahre im Ausland.

Auch mit ihrem Vater hatte sie anfangs Briefkontakt gehalten, doch diesen hatte er vor zwei Jahren abgebrochen. Sie hatte so zu sagen keine Eltern mehr.

Kay sah sich schon seit langem als elternlos an. Vor allem seit dem Streit mit ihrer Mutter. Sie waren sich so in die Haare geraten das Kay irgendwann geschrieen hatte: „Du bist schon lange nicht mehr meine Mutter!“

Ihre Mutter hatte noch lauter zurück geschrieen: „Von dir will auch keine Mutter mehr sein!“

„Gut“, hatte Kay geantwortet und war aus dem Zimmer gerannt.

Dann hatte sie sich erst einmal ausgeheult. Als sie nach unten gehen wollte um sich zu Entschuldigen war ihre Mutter schon weg gewesen.

Ihre Oma hatte sie angesehen und den Kopf geschüttelt, hatte aber nichts gesagt. Die nächsten Tage verhielt sie sich gegenüber ihrer Enkelin etwas abweisend. Es war eindeutig auf wessen Seite sie stand! Doch das alles hatte sich gelegt.

Nur ob ihre Mutter zu ihrem Geburtstag kommen würde war fraglich. Eigentlich hoffte Kay es ja.

Sie wollte sich entschuldigen und ein langes Mutter Tochter-Gespräch führen und ihrer Mutter dann freudig um den Hals fallen.

Aber das würde sie nie zugeben. Kay fühlte sich mit einem Mal sehr allein. Wie sie hier so saß ohne irgendjemanden der sie in den Arm hätte nehmen können.

Was sie jetzt brauchte war ein gutes Buch und Musik. Aber das gab es alles nur im Haus und da konnte sie ja nicht rein.

Sie rappelte sich auf und umrundete das Haus in der Hoffnung ein Fenster wäre offen. Wie kam sie nur auf solche absurden Ideen?

Ihre Oma öffnete nie Fenster in den unteren Stockwerken. Man hätte zu leicht einsteigen können. Irgendetwas hütete sie wie einen Schatz. Vielleicht war sie aber auch nur eine arme sich fürchtende alte Frau.

Kay wusste nur noch einen Ausweg. Sie ging auf den Turm der Stadtmauer zu und hangelte sich an der Außenwand nach oben.

Dies war sehr schwer, nur die Teile die aus der Mauer gebröckelt waren halfen ihr. Ihn ihnen konnte sie festen Fuß fassen. Als sie fast oben war, waren ihre Knie schon wund vom Festklammern.

Dann kletterte sie auf den Wehrgang und ging auf die Terrasse. Als sie sich dem Fenster näherte wurde ihr Spiegelbild deutlich sichtbar.

Ihre Oma hatte mal wieder ihren Putztag gehabt. Wenn Kay jetzt auch nur einen Fingerabdruck hinterlassen würde gäbe es einen Riesenärger.

Vorsichtig versuchte sie die Schiebetür zu öffnen, doch die war natürlich verschlossen.

Im Türglas sah sie ein großes schlankes Mädchen mit grünen Augen die nun wieder einen orangenen Kranz um die Pupille hatten. Die sonst eh schon verzausten goldroten Locken lagen vom Aufstieg noch wilder auf ihren Schultern. Das Mädchen sah enttäuscht aus.

Mist, nicht einmal hier konnte man einsteigen.

Sie ging noch ein Stückchen weiter zu ihrem Zimmerfenster das genau am Wehrgang lag. Diesmal hatte sie Glück. Das Fenster war gekippt, so kam sie mit ihren Händen ohne große Mühe an den Griff.

Eine Minute später stand sie in ihrem Zimmer. Erleichtert atmete sie auf. Sie hatte sich schon auf Stunden vor der Tür vorbereitet, aber diesmal hatte sie noch Glück gehabt.

Sie war haarscharf einer Strafpredigt ihrer Großmutter über Vergesslichkeit entgangen.

Es gab viele Dinge die Oma an ihr tadelte, aber dies war eins ihrer Lieblingsthemen. Sie wollte jetzt nur schnell ihren Schulranzen holen und dann etwas essen. Ihr Magen knurrte schon erwartend.

Hoffentlich gibt es heute mal was Leckeres, zur Abwechslung.

Ihre Großmutter hatte in der Vorderseite des Hauses einen Laden. Einen Laden für gesunde Ernährung! Aber Einkäufer gab es nur höchst selten. Alte Damen aus der Straße zeigten manchmal Interesse, aber andere Leute wussten nicht mal wer Mageritha Ezuses ist. Trotzdem behielt sie denn Laden bei, es war ihr Hobby.

Kein Wunder, dass es bei ihnen immer nur irgendwelchen Diät-Schmarren gab. Aber das war Kay meistens egal. Entweder sie hatte vorher schon gegessen, oder sie ging zu Angelo, dem Italiener in der Einsiedlerstraße. Selten schmeckte das Essen gut, dann verschlang sie es natürlich.

Sie stieg über ihre herumliegenden Klamotten, Zeitschriften, Schulbücher und andere Dinge.

Das war auch wieder ein Thema das ihr ihre Großmutter bei jeder Gelegenheit unter die Nase hielt, ihre Unordnung. Kay fühlte sich in ihrem Chaos wohl, während ihre Oma es für furchtbar hielt ständig auf seine Füße Acht geben zu müssen, weil überall etwas herumfuhr.

Sie öffnete die Tür und stieß einen spitzen Schrei aus.

„Liebes Fräulein! Weshalb stand dein Schulranzen vor der Tür?“, dabei hob ihre Großmutter den Ranzen nach oben. Sie sah Kay mit einem vorwurfsvollen Gesichtsausdruck an.

„Ja, ja“, erwiderte diese rasch, „weiß schon. Ich bin vergesslich und schlampig!“ Damit wischte sie an ihrer Oma vorbei und sauste die Treppe runter in die Küche.

„Das Essen steht im Backofen!“, rief ihre Oma von oben.

Kay lief hin nahm es heraus und stellte fest das es eiskalt war. Sie stellte es schnell zurück und schmiss den Herd an.

Zuerst schien es, als wolle das Teil nicht heizen, doch als Kay ihm einen Tritt versetzte sprang es an. Ihre Oma hatte lauter alte Sachen in der Küche.

Dass sie einen Fernseher besaßen, verdankten sie allein Tante Marion, sie hatte ihnen einen zu Weihnachten geschenkt (weil Kay so gebettelt hatte).

Kay setzte sich an den Tisch und sah das Päckchen das sie bei Frau Neumann abgeholt hatte auf dem Tisch liegen. Ihre Oma hatte es mitsamt dem Ranzen reingeholt und auf dem Tisch gelagert um Kay oben auf dem Flur abzufangen.

Woher hatte sie gewusst, dass ich durchs Dach eingestiegen bin? dachte Kay missmutig und sah das Päckchen an.

Vorsichtig betrachtete sie es von allen Seiten. Der Absender stand nicht darauf, also wieder von einem Herrn Niemand. Die Briefmarken die auf dem Packet klebten waren zu viele, fast eine ganze Seite war damit beklebt. Entweder es kam wirklich von soweit her oder jemand wollte seine Briefmarkensammlung loswerden.

Kay fasste blitzschnell einen Entschluss. Sie musste dieses Päckchen öffnen, sie musste wissen was drin war. Gerade als sie es aufreißen wollte schrie ihre Großmutter: „Kay ist mein Packet da unten? Ich kann es nicht finden!“

„Ja! Und du musst noch was von Schlampern sagen!“

Die alte Frau kam die Treppe herunter und nahm ihre Post.

Man sah ihr deutlich an, dass sie nicht mehr die Jüngste ist. Ihr weißen Haare waren tagsüber immer zu einem strengen Dutt gebunden der von zwei breiten goldenen Klammern gehalten wurde. Ihre seltsame Auswahl von Kleidern, die sie nicht gerade dünner geschweige denn jünger machten, hatte sie fast vollständig selber genäht.

Kay bekam es nicht über die Lippen. Sie wollte doch fragen was drin ist.

Ihre Oma sah sie eine Weile durchdringend an, dann meinte sie: „Willst du mir was sagen?“ Kay schüttelte hastig den Kopf. Ihre Oma drehte sich um und ging.

„Mist“, fluchte Kay. Sie hätte so gern erfahren was in diesem blöden Paket ist. Wie heißt es so schön: Wer nichts wagt gewinnt nicht viel! Wieso hab ich nur nicht gefragt? dachte sie verbittert.

Sie nahm die Tageszeitung in die Hand und blätterte desinteressiert durch die Anzeigen. Überall langweilige Artikel über Dinge die keinen Menschen etwas bringen.

Plötzlich verharrte sie. Sie war über den Artikel „Hexensabbat oder Keltenfest“ gestolpert und las zum ersten Mal heute, seit sie aufgestanden war, richtig geistesgegenwärtig.

„Am 31. Oktober feiern wir wieder Halloween. Was steckt hinter diesem Brauch? Haben früher die Hexen den Teufel angebetet? Nein, ganz und gar nicht. Hier für sie den wahren Ursprung.“

„Ach so!“, meinte Kay, „nur die Herkunftsstory. Und ich hatte mir schon was erhofft!“

Sie schnüffelte in die Luft. Irgendwas roch hier verdammt übel. Nach Leichen oder nach was, das gerade langsam verrottet.

Sie hastete durch den Raum. Auf einmal blieb sie stehen und drehte sich langsam um. Sie hatte die Geruchsstelle gefunden. Es war ihr Essen!

Langsam ging sie in die Hocke und musterte ihr Mittagsessen. Es sah noch seltsamer aus als vorher aber nicht verbrannt.

Ihre Oma betrat die Küche und schnupperte. „Oh, das Essen ist fertig. Mach schnell bevor es kalt wird.“

„Du meinst, dieses Essen riecht wirklich so? Ich meine so als wäre es schlecht?“, meinte Kay angewidert.

„Was willst du damit sagen? Du meinst diesen gesunden Geruch den ihr heutzutage nicht mehr kennt?!“

Kay wusste was das hieß: Halt den Mund und iss endlich. „Ich glaub ich hab keinen Hunger mehr.“

„Hast du wohl. Man hört deinen Magen bis hier!“ Damit ging sie zum Herd und stellte das „Gericht“ auf den Tisch.

Die Oberfläche wirkte im fahlen Licht der Schirmlampe kakibraun, überall blubberten Blasen hervor, die, wenn sie zerplatzten, eine eklige grüne Flüssigkeit über die Schicht ergossen. Alles in allem macht es einen wirklich sehr appetitlichen Eindruck.

Kay holte schweren Herzens das Gedeck aus dem Schrank und setzte sich an den Tisch. Sie stellte die blauen Porzellanteller vorsichtig hin und legte das Silberbesteck daneben.

Sie versuchte mit langsameren Bewegungen das Essen hinauszuzögern, um am Ende vielleicht doch noch drumherum kommen zu können.

Ihre Oma war mit einem teuflischen Lächeln aus der Küche verschwunden. Kay schob das Essen vorsichtig beiseite. Dabei schwappte das Gebräu über und kleckste auf den Hexenartikel.

Sie ärgerte sich furchtbar über ihre Schussligkeit, weil sie sich bei solchen Sachen eingestehen musste, dass ihre Oma Recht hat, und betrachtete dann die Stelle genauer auf der, der grüne Klecks klebte.

„Leute die etwas mit dem 31.Oktober zu tun haben sind meistens als Hexen verrufen. Das erweißt jetzt auch ein wissenschaftlicher Test von Prof. Maulklamm. , Ich habe herausgefunden das Leute die mit der Hexennacht in Verbindung stehen etwas Seltsames an sich haben.’ Sagte sie im Interview.“

Kay schluckte. Hinweis des Schicksals? Nein so etwas gab es nicht. Aber sie musste doch ihre Oma fragen. Vielleicht war sie ja eine Hexe?

Sie sah das Essen an. „Bevor ich das nicht gegessen habe sagt sie mir eh nichts!“ Sie nahm die Gabel und stocherte lustlos drin herum. Dann nahm sie einen Bissen. Vergiften würde es sie nicht, das stand fest.

Kay blätterte weiter. Sie wollte nie mehr was von diesem blöden Artikel hören. Da stolperte sie über die Anzeigen Seite. Dort standen meistens Geburts- oder Todesanzeigen. Heute stand mal wieder eine Liebeserklärung ganz oben:




Hallo mein Mäuschen Tina

Ich liebe dich über alles, verzeih mir!



Dein Johann




Wem würde sie wohl so etwas schreiben? Dee? Nein, obwohl er gar nicht so übel war.

Vielleicht eher Tim? Der war auch recht nett. Sie ertappte sich bei dem Gedanken an einen festen Freund. Wie konnte sie nur?!

Sie war doch das Mädchen der Schule das nichts mit Jungs zu tun hatte. Aber irgendwo ganz tief drin hätte sie ja doch gern einen Freund. Wenn sie die Älteren Händchenhaltend sah hatte sie schon auch ihre Sehnsüchte.

Aber der Richtige war ihr einfach noch nicht begegnet.

Einen Jungen aus der 9. fand sie eigentlich ganz süß. Er hieß Maik. Aber sie hatte noch nie mit ihm gesprochen und wusste auch nicht ob er sie überhaupt kannte. Sie seufzte.

Mit so was konnte sie ihrer Oma nicht kommen. Die fand sie sowieso noch zu jung für Jungs. Jetzt hätte sie gerne ihre Mutter wieder, die hätte ihr geholfen.

Aber da diese seit dem Streit nicht mehr aufgetaucht ist, und sich auch nicht gemeldet hat, vermutete Kay stark, dass sie ihr diese Frage wohl auch nicht mehr stellen könnte.

Kay kann es ihr nicht verübeln. Immerhin war sie ziemlich hart gewesen. Kay betete fast, dass sie dieses Jahr wieder kommen würde, zu ihrem Geburtstag. Es war unwahrscheinlich aber Kay hoffte. Wunder soll es geben!

Ihre Geburtstage waren fast nie viel besucht, sie hatte nicht viele Freunde. Sie hatten meistens zu acht gefeiert, mit ihrer Mutter neun.

Ihre Oma, Tim und Gini, Frau Neumann, ihre Cousine Silvi und Tante Marion, Otta und sie selbst.

Otta war eine Klassenkameradin die Kay mal vor einem Auto zurückgezogen hatte.

Otta hat eine Brille und die hatten Dee und seine Clique auf die Straße geschleudert. (Otta war ihnen natürlich immer das liebste Opfer, weil sie sich nicht wehrte.)

Als Otta hilflos danach getastet hatte wäre sie fast von einem Auto überfahren worden.

Doch Kay hatte sie zurückgezogen, ihre Brille mit einem waghalsigen Sprung gerettet und hinterher Dee eine saftige Ohrfeige gegeben für was sie gleich zum Rektor musste.

Der konnte sie nicht leiden und hätte ihr fast zwei Tage nachsitzen aufgebrummt. Aber sie kam dann doch mit zwei Stunden weg.

Sie war an der ganzen Schule nicht gerade beliebt, zwar kamen alle mit ihr aus, aber ihre Zickigkeit sammelte Kay nicht gerade Pluspunkte.

Aber was die anderen dachten war Kay schon immer egal gewesen. Sie sagte was sie dachte, machte was sie für richtig hielt. Das beeindruckte sehr viele, aber leider nicht genug.

Otta würde dieses Jahr nicht kommen, sie war vor drei Monaten umgezogen. Kein Verlust, aber irgendwo fehlte Kay die schusselige Otta schon.

Plötzlich riss jemand die Tür auf. Kay blieb sitzen und drehte sich nicht einmal um. Sie wusste wer in der Tür stand. Ihre Cousine. Silvi war ein bisschen verrückt, Jenny konnte sie viel besser leiden, aber trotzdem mochte sie auch Silvi.

Beide waren väterlicherseits, ihre Mutter hatte nie Geschwister. Silvi war Tante Marions Tochter, Jenny von der längst verstorbenen Kayafala.

„Hi“, kreischte sie total happy. „Ich hab ne Überraschung! Ich hab für dich ein Date mit Maik klargemacht!“

Kay sah sie vollkommen baff an. „Was hast du? Woher weißt du überhaupt das ich ihn mag?“

Silvi strich sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht und grinste: „Du hattest letzt dein Tagebuch offen liegen da hab ich halt mal gelesen. Und weil ich dich so mag habe ich dir gleich mal nachgeholfen. Toll, was!“

„Ja ganz toll!“, stöhnte Kay, „Ich wollte ihn nie kennen lernen! Aber danke, jetzt kann ich ihm wenigstens einen Korb geben!“

Silvi sah sie fassungslos an. Sie war immer total locker drauf. Sie hatte schon drei Freunde, und das in der 9. Klasse. „Na dann eben nicht. Dann geh ich hin!“

Sie setzte sich zur ihr hin und sah sie mit ihrem Zahnspangengrinsen an. Im Grunde war sie hübsch wenn man sich die Spange und ihre etwas krumme Nase wegdachte. Kay sah sie mitleidig an.

„Du darf ich?“, fragte Silvi plötzlich. Dabei deutete sie auf Kays Mittagessen. Da Kay nur dumm glotze, ging sie davon aus das dies „Ja“ heißt. Silvi verschlang alles, nickte zufrieden und erhob sich. „Man sieht sich!“

Damit verlies sie die Küche. Kay runzelte die Stirn und nuschelte: „Wenn sie kotzt bin ich nicht schuld!“, sie nahm noch schnell den letzten Schluck aus ihrem Glas und erhob sich.

Sie war mit den Geschwistern im Cafe verabredetet.

„Ich muss los“, rief sie ihrer Oma zu. Ohne auf eine Antwort zu warten öffnete sie die Haustür. Sie blickte sich noch mal kurz um aber keiner schien sie aufhalten zu wollen, also konnte sie los.

Auf dem halben Weg zum Cafe machte sie plötzlich kehrt. Etwas zog sie in die entgegengesetzte Richtung. Fast gegen ihren Willen stand sie plötzlich auf dem Marktplatz.

„Ich werde noch zu spät kommen! Wieso treibe ich mich denn hier rum.“ Dann sah sie was sie hierher gelockt hatte.

Die neue Lehrerin unterhielt sich auf dem Brunnen sitzend mit einem seltsam aussehenden Mann. Er war äußerst klein und sah aus als hätte er eine leichte Verkrüppelung.

Kay schlich sie unbemerkt an und lauschte mit spitzen Ohren.

„Wann wird es soweit sein? Wann kann er auferstehen?“

„Bald! Und diese bescheuerten Schüler werden mir helfen.“

„Warum willst du unbedingt in dieser Stadt dieses Ritual vollführen?“

Die Lehrerin antwortete genauso besserwisserisch wie in der Schule. „Weil hier die Tochter von einer der höchsten Hexen wohnt und von einem recht brauchbaren Magier. Von ihr werden wir die Energie abzapfen.“


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